
Das Sender-Empfänger-Modell beschreibt Kommunikation als Kette: Ein Gedanke wird in Worte verschlüsselt, übertragen und vom Empfänger wieder entschlüsselt. Weil beide dabei ihre eigene Erfahrung verwenden, kommt nie genau das an, was gemeint war.
Die vier Schritte
- Der Gedanke. Etwas, das Sie wollen, meinen oder fühlen — noch ohne Worte.
- Das Verschlüsseln. Sie wählen Worte, Tonfall, Gesicht und Zeitpunkt. Schon hier geht der erste Teil verloren.
- Die Übertragung. Der Weg dazwischen: Lärm, ein klingelndes Telefon, eine schlechte Leitung, Eile.
- Das Entschlüsseln. Der andere legt Ihre Worte auf seine Erfahrung. Was er versteht, entsteht in seinem Kopf, nicht in Ihrem.
Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag
Sie schreiben einer Mitarbeiterin: „Können wir morgen kurz reden?“ Gemeint ist eine Frage zum Urlaubsplan. Sie liest den Satz um 19 Uhr, denkt an das Gespräch vor zwei Jahren, das genauso begann, und schläft schlecht.
Gesendet wurde eine Terminfrage. Angekommen ist eine Drohung. Beide haben recht — und trotzdem ist der nächste Morgen verdorben. Vier Worte mehr hätten genügt: „nichts Schlimmes, es geht um den Urlaubsplan“.
Der häufigste Denkfehler
„Ich habe es doch gesagt.“ Das Modell wird gern so gelesen, als sei Kommunikation eine Leitung: oben hinein, unten heraus. Genau das ist es nicht.
Es stammt ursprünglich aus der Nachrichtentechnik — Claude Shannon und Warren Weaver beschrieben 1948 die Übertragung von Signalen über eine Telefonleitung. Für Maschinen stimmt das Bild. Menschen sind aber keine Empfangsgeräte: Sie entschlüsseln mit ihrer eigenen Geschichte. Die Bedeutung entsteht beim Empfänger, nicht beim Sender.
Wilbur Schramm ergänzte deshalb 1954 den entscheidenden Gedanken: Verstanden wird nur, wofür beide einen gemeinsamen Erfahrungsraum haben. Je kleiner die gemeinsame Fläche, desto mehr muss erklärt werden — und desto weniger hilft es, lauter zu werden.
Was eine Führungskraft damit macht
- Statt „Haben Sie Fragen?“ lieber „Was nehmen Sie jetzt mit?“ — die erste Frage prüft die Leitung, die zweite den Empfänger.
- Bei wichtigen Nachrichten den Zweck mitschicken, nicht nur die Aufgabe. Wer weiß, wozu, entschlüsselt richtiger.
- Kurze schriftliche Nachrichten sind die störanfälligsten. Für alles Heikle: anrufen.
- Rückmeldung ist keine Höflichkeit, sondern das einzige Messgerät, das Sie haben.
Eine Übung
Beenden Sie Ihr nächstes wichtiges Gespräch mit einem Satz: „Damit ich sicher bin, dass ich mich klar ausgedrückt habe — wie würden Sie das jemandem erklären, der nicht dabei war?“ Die Antwort zeigt Ihnen, was angekommen ist. Oft ist es etwas anderes, als Sie gesendet haben.
Woher es kommt
Claude E. Shannon und Warren Weaver beschrieben das Modell 1948 für die Nachrichtentechnik. Wilbur Schramm übertrug es 1954 auf Menschen und ergänzte den gemeinsamen Erfahrungsraum sowie die Rückmeldung. In der Dimension Empathie der Big-Five-Methode ist es die Grundlage: Wer weiß, dass die Bedeutung beim anderen entsteht, hört anders zu.
Das passt dazu
Im Seminar üben
Das Modell versteht man in fünf Minuten. Die Rückfrage zu stellen, wenn es gerade unangenehm ist, lernt man im Üben.
Quellen
Shannon, C. E. (1948): A Mathematical Theory of Communication. Bell System Technical Journal 27, S. 379–423 und 623–656.
Shannon, C. E. & Weaver, W. (1949): The Mathematical Theory of Communication. University of Illinois Press.
Schramm, W. (1954): How Communication Works. In: The Process and Effects of Mass Communication. University of Illinois Press, S. 3–26.
Stand: September 2026 · dekkers.at/wissen/sender-empfaenger-modell/
