
Es ist halb zwölf. Der Tag ist vorbei, das Licht ist aus, und im Kopf läuft die Besprechung von heute Nachmittag noch einmal. Diesmal mit besseren Antworten. Und noch einmal. Und noch einmal.
Fast jede Gruppe, mit der ich arbeite, kennt das. Und fast alle halten es für Nachdenken. Ist es nicht.
Der Unterschied zwischen Nachdenken und Grübeln
Nachdenken hat ein Ziel und ein Ende. Sie wägen ab, entscheiden sich, hören auf. Grübeln dreht sich im Kreis: dieselbe Szene, dieselben Argumente, kein Ergebnis. Der Test ist einfach – wenn Sie nach zwanzig Minuten keinen Schritt weiter sind als am Anfang, denken Sie nicht nach, sondern grübeln.
Das Tückische daran: Grübeln fühlt sich produktiv an. Man hat das Gefühl, an einem Problem zu arbeiten. In Wahrheit trainiert man den Kopf darauf, dieselbe Schleife noch schneller zu finden.
Warum abends
Tagsüber ist der Kopf beschäftigt. Aufgaben, Menschen, Termine besetzen die Aufmerksamkeit. Sobald das wegfällt, wird der Platz frei – und was ungeklärt ist, meldet sich zuerst. Deshalb kommt das Karussell selten um zehn Uhr vormittags.
Zwei Übungen, die tatsächlich funktionieren
Die erste dauert zwei Minuten. Sie heißt 5-4-3-2-1 und holt die Aufmerksamkeit über die Sinne aus dem Kopf zurück: fünf Dinge sehen, vier hören, drei spüren, zwei riechen, eines schmecken. Das klingt esoterisch und ist es nicht – Sie können nicht gleichzeitig aufmerksam wahrnehmen und grübeln. Die ganze Anleitung steht in der Übungssammlung.
Die zweite dauert länger und wirkt tiefer. Schreiben Sie den Gedanken auf, der Sie beschäftigt. Einen Satz, nicht mehr. Dann stellen Sie ihm vier Fragen: Ist das wahr? Können Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass es wahr ist? Wie reagieren Sie, wenn Sie das glauben? Wer wären Sie ohne diesen Gedanken? Das ist keine Beschönigung, sondern eine Prüfung. Meistens hält der Gedanke ihr nicht stand. Auch das steht ausführlich hier.
Was nicht hilft
- Sich vornehmen, nicht mehr daran zu denken. Das funktioniert so gut wie „denken Sie jetzt nicht an einen roten Elefanten“.
- Noch länger im Bett liegen bleiben und warten. Nach zwanzig Minuten lieber aufstehen, Licht an, etwas Langweiliges tun.
- Das Handy. Der Bildschirm liefert dem Kopf neue Nahrung, statt ihn zu beruhigen.
Und wenn es nicht aufhört
Ein paar unruhige Nächte hat jeder. Wenn das Karussell aber über Wochen läuft, wenn Sie morgens erschöpft aufwachen und die Erholung ausbleibt, ist das kein Thema für ein Seminar mehr. Dann gehört das in ärztliche oder psychologische Hände – und dorthin zu gehen ist ein Zeichen von Vernunft, nicht von Schwäche.
Resilienz ist die zweite der fünf Dimensionen. Ausführlich arbeiten wir daran im Seminar Stress, nein danke – Entspannung, ja bitte.
