„Du, hast du schon gehört …“

Löwe — Sinnbild für Teamwork

LÖWETEAMWORK

Toni steht bei der Kaffeemaschine, als Fritz hereinkommt. Er senkt die Stimme ein wenig, so wie man das tut, wenn etwas Wichtiges kommt.

„Du, hast du schon gehört, was der Hansi über dich erzählt?“

Zwei Sätze, keine zehn Sekunden. Und das Karussell dreht sich.

Drei Rollen sind in diesem Moment besetzt

Toni ist der Retter. Er meint es gut. Er sagt es Fritz ja nur, damit der Bescheid weiß. Dass er sich damit unentbehrlich macht, denkt er nicht.

Fritz ist das Opfer. Über ihn wird geredet, er kann sich nicht wehren, und er erfährt es aus zweiter Hand.

Hansi ist der Täter. Und Hansi ist nicht im Raum. Er hat keine Ahnung, dass er gerade eine Rolle bekommen hat. Vielleicht hat er etwas gesagt. Vielleicht etwas anderes, als angekommen ist.

WORUM ES GEHT„Du, hast du schon gehört …“Zwei Sätze bei der Kaffeemaschine, keine zehn Sekunden.Und schon sind drei Rollen besetzt — eine davon ist nicht im Raum.
01BEI DER KAFFEEMASCHINEDu, hast du gehört,was Hansi sagt?Die Stimme wird leiser. So kündigt man etwas Wichtiges an.
02DREI ROLLENIch sag es dir janur als Freund.Der Retter meint es gut. Dass er sich unentbehrlich macht,denkt er nicht.
03DAS KARUSSELLRETTEROPFERund der Täter fehltDrei Rollen, zwei Anwesende. Über den Dritten wird geredet,nicht mit ihm.
04DAS WORTANGEBLICHAngeblich? Dann fragihn doch selbst.Ein Wort ohne Quelle. Mit ihm fällt die ganzeGeschichte.
05DIE ANTWORTGeh zu Hansi. Ichkomme gern mit.Keine Partei, keine Weitergabe. Nur der Weg zu dem,der es gesagt hat.
06OHNE KARUSSELLDann rede ich mit ihm.Toni hat niemanden mehr zu retten. Die Sache klärt sich dort,wo sie entstanden ist.
DAS ERGEBNISWER WEITERTRÄGT, SPIELT MIT.WER FRAGT, STEIGT AUS.Reden Sie über niemanden, der nicht im Raum ist — oder holen Sieihn dazu.

Und jetzt dreht es sich

Fritz geht am Nachmittag zu Hansi. Nicht aus Bosheit — er will das klären. Und weil er sich rechtfertigen muss, woher er es hat, sagt er den Satz, der alles weiterdreht:

„Weißt du eigentlich, dass der Toni herumerzählt, was du über mich gesagt hast?“

In dieser Sekunde sind die Rollen neu verteilt. Toni, der Retter, ist zum Täter geworden — der, der petzt. Hansi, eben noch der Täter, ist jetzt das Opfer, denn über ihn wird geredet. Und Fritz, eben noch das Opfer, ist der Retter, der Hansi warnt.

Niemand hat das beschlossen. Es ist einfach passiert, in einem einzigen Satz.

Am Freitag erzählt Hansi es der Kollegin aus der Buchhaltung. Die kennt Toni gut. Und so geht es weiter, Runde um Runde, mit wechselnder Besetzung und immer demselben Ablauf. Nach ein paar Wochen redet niemand mehr mit jemandem. Alle reden über alle.

Warum es so verlockend ist

Weil die Retterrolle sich gut anfühlt. Wer etwas weitererzählt, gibt ein Geschenk: Information. Er steht auf der richtigen Seite, riskiert nichts und weiß mehr als die anderen. „Ich sag’s dir ja nur, damit du’s weißt“ ist einer der ehrlichsten Sätze im Büro — und einer der teuersten.

Und weil Zuhören sich wie Vertrauen anfühlt. Wem etwas anvertraut wird, der gehört dazu. Deshalb macht fast jeder mit, und fast niemand merkt es.

Wie das in der Fachliteratur heißt

Zwei Modelle beschreiben das, was bei der Kaffeemaschine passiert. Stephen Karpman hat 1968 die Rollen benannt: Opfer, Retter und Verfolger — und vor allem den ständigen Wechsel zwischen ihnen. Genau dieser Wechsel macht das Muster so schwer zu greifen: Wer eben noch geholfen hat, greift zwei Minuten später an.

Die Systemiker nennen den Weg dazu Triangulierung: Ein Konflikt zwischen zweien wird über einen Dritten ausgetragen, statt zwischen den beiden. Das senkt kurzfristig die Spannung — und sorgt langfristig dafür, dass sich nichts klärt, weil die zwei, um die es geht, nie miteinander sprechen.

Der Ausstieg dauert einen Satz

Hier ist die gute Nachricht, und sie ist größer, als sie klingt: Das Dreieck braucht alle drei. Sobald einer aussteigt, steht es. Sie müssen niemanden überzeugen und nichts aufklären. Sie müssen nur bei sich aufhören.

Wenn das nächste Mal jemand mit „Du, hast du schon gehört…“ beginnt, gibt es drei Antworten, die wirken:

  1. „Sag es ihm bitte selbst.“ Freundlich, ohne Vorwurf. Sie geben die Sache dorthin zurück, wo sie hingehört.
  2. „Da bin ich die falsche Adresse.“ Für alles, was zwei andere miteinander zu klären haben.
  3. „Möchtest du, dass ich dabei bin, wenn du mit ihm redest?“ Das ist echte Hilfe. Sie nimmt niemandem die Verantwortung ab und lässt trotzdem keinen allein.

Wer wirklich etwas erfahren hat, das jemanden betrifft, hat eine vierte Möglichkeit: es der Person direkt sagen. Einmal. Und dann bei ihr lassen.

Die Regel, die ein Team trägt

In Firmen, in denen das gut funktioniert, gilt ein einziger Satz: Wer etwas über jemanden zu sagen hat, sagt es ihm. Was jemanden betrifft, hört er zuerst — und nicht zuletzt.

Diese Regel kostet nichts und ändert alles. Sie muss allerdings von oben kommen und von oben gelebt werden. Eine Führungskraft, die sich bei der Kaffeemaschine erzählen lässt, wie es dem Team so geht, hat die Regel damit aufgehoben.

Was ein Team dadurch gewinnt

Zeit, zuerst. Dann Ruhe. Und schließlich etwas, das sich schwer messen lässt: Man kann wieder sagen, was man denkt, ohne zu rechnen, bei wem es am Nachmittag landet. Mitarbeiter, die einander vertrauen, arbeiten schneller — nicht weil sie sich mehr anstrengen, sondern weil sie sich weniger absichern müssen.

Und es genügt, dass einer anfängt. Sie zum Beispiel.

Zum Weiterlesen

Die zwölf Regeln, um aus dem Drama herauszukommen — zum Ausdrucken für die nächste Teambesprechung: Drama im Team beenden.

Das Modell mit den drei Rollen, eine Übung dazu und die häufigsten Fragen: Das Drama-Dreieck verlassen.

Die Sätze, mit denen die drei Rollen sprechen: Zwanzig Sätze, die im Kopf bremsen.

Geübt wird das in den Teamseminaren — an den Sätzen, die bei Ihnen tatsächlich fallen.